Libertarismus durch dick und dünn

The following article is translated into Deutsch from the English original, written by Charles Johnson and published in The FreemanJuly 2008.

In welchem Umfang sollten sich Libertäre mit sozialem Engagement, Praktiken, Projekten oder Bewegungen befassen, die soziale Auswirkungen jenseits, oder abgrenzbar, von gewöhnlichem libertären Einsatz zur Erweiterung des Umfanges von Freiheit von staatlichem Zwang haben?

Offensichtlich kann ein konsistenter und prinzipientreuer Libertärer keine Bestrebungen oder Überzeugungen unterstützen, die im Gegensatz zu libertären Prinzipien stehen – beispielsweise Bestrebungen, die soziale Ergebnisse durch staatliche Intervention erreichen sollen. Aber wenn aufgezwungene Gesetze nicht zur Debatte stehen, wie sollten Libertäre dann zu anderen religiösen, philosophischen, sozialen oder kulturellen Bekenntnissen stehen, die ihre Zielen durch zwangsfreie Mittel verfolgen, wie etwa gezielte moralische Agitation, Massenerziehung, künstlerische oder literarische Propaganda, Wohltätigkeit, gegenseitige Hilfe, öffentliches Lob, höhnische soziale Ächtung, gezielte Boykotte, ethisches Investment, Verlangsamungen und Streiks in einzelnen Betrieben, Generalstreiks oder anderen Formen von Solidarität und koordinierten Handlungen? Welche sozialen Bewegungen sollten sie ablehnen, welche sollten sie unterstützen, und gegenüber welchen sollten sie gleichgültig sein? Und wie erkennen wir den Unterschied?

In anderen Worten, sollte Libertarismus als ein „schmales“ (dünnes) Bekenntnis gesehen werden, das glücklicherweise mit absolut jeder Menge von Werten und Plänen vereinbar ist, „solange sie friedlich ist“, oder ist es besser, ihn als einen Strang neben anderen in einem „breiten“ (dicken) Bündel von verflochtenen, sozialen Bekenntnissen zu behandeln? Solche Kontroversen sind oft eng verknüpft mit anderen Diskussionen, die die Besonderheiten libertärer Rechtstheorie oder Klassenuntersuchungen und die Mechanismen sozialer Macht betreffen. Um zu erfassen, worum es geht, wird es nötig sein, die Frage präziser zu formulieren und die Unterschiede zwischen einigen der verschieden möglichen Beziehungen zwischen Libertarismus und „breiteren“ Bündeln sozialer, kultureller, religiöser oder philosophischer Bekenntnisse herauszukitzeln, was befürworten würde, die beiden auf irgendeine Weise zusammenzuschließen.

Die Formen von „Breite“, die ich diskutieren werde, sollten nicht verwechselt werden mit zwei anderen Sorten von Bekenntnissen, eins fest und eins lose mit Libertarismus verbunden: solchen, die logisch aus der Philosophie selbst bedingt sind (was ich „Breite als Folge“ bezeichne), wie etwa die Ablehnung von privater Aggression, und solchen, die einfach damit zusammenhängen, ein guter Mensch, beispielsweise eine liebende Mutter, zu sein („Breite in Verbindung“). Als ein Beispiel für die erste Kategorie wird möglicherweise die Auffassung vertreten, dass Libertäre sich aktiv bestimmten traditionellen Kulturpraktiken, die den systematischen Gebrauch von Gewalt gegenüber friedlichen Menschen beinhalten, entgegenstellen sollten – wie etwa ostafrikanischen Gebräuchen zur zwangsweisen Klitoridektomie bei widerwilligen Mädchen oder der amerikanischen und europäischen Gepflogenheit von Richtern und Geschworenen, die die Fakten und das Gesetz ignorieren, um Männer, die ihre untreuen Frauen oder deren Geliebte ermorden, freizusprechen oder das Strafmaß zu reduzieren. Prinzipientreuer Libertarismus hat logischerweise Kritik für diese sozialen und kulturellen Praktiken zur Folge, aus demselben Grund, weshalb er Kritik an staatlicher Intervention bedingt: weil das Nichtaggressionsprinzip jede Gewalt gegen individuelle Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum verdammt, gleichgültig, wer sie begeht, und nicht nur Formen, die offiziell von der Regierung getätigt werden.

Zwischen den engsten und losesten möglichen Beziehungen dürften mindestens vier weitere Verbindungen zwischen Libertarismus und weiteren sozialen Bekenntnissen bestehen, die eine Zahl von wichtigen, aber subtilen Wegen für breite libertäre, kritische Untersuchungen bieten.

Breite durch Anwendung

Zuerst mag es einige Bekenntnisse geben, die ein Libertärer zurückweisen kann, ohne formal dem Nichtaggressionsprinzip zu widersprechen, die er jedoch nicht zurückweisen kann, ohne die korrekte Anwendung desselbigen faktisch zu behindern. Prinzipien jenseits des alleinstehenden Libertarismus sind möglicherweise notwendig, um festzulegen, wo meine Rechte enden und deine beginnen, oder um sich begrifflicher Scheuklappen zu entledigen, die bestimmte Verletzungen der Freiheit davor bewahren, als solche erkannt zu werden.

Man betrachte die Art und Weise, auf die gewöhnlicher politischer Kollektivismus viele Nicht-Libertäre schon von der Erkenntnis abhält, dass Besteuerung und Gesetzgebung durch eine demokratische Regierung von vornherein Formen von Zwang darstellen. (Haben „wir“ dem nicht im Grunde zugestimmt?) Oder, möglicherweise kontroverser, man denke an die feministische Kritik an der traditionellen Trennung von „privater“ und „politischer“ Sphäre, und an solche, die diese Sphären auf die Art unterteilen, dass durchdringende systematische Gewalt und Zwang innerhalb von Familien gerechtfertigt oder entschuldigt, oder einfach als etwas „Privates“ ignoriert werden und man sie daher als eine weniger ernstzunehmende Form von gewalttätiger Unterdrückung ansehen kann. Wenn Feministen recht haben bezüglich der Art und Weise, in welcher sexistische politische Theorien systematische Gewalt gegen Frauen schützen oder entschuldigen, dann hat es eine hohe Bedeutung, dass Libertäre, eben weil sie Libertäre sind, auch Feministen sein sollten. Wesentlich ist, dass die Bekenntnisse, die Libertäre hier haben sollten, nicht nur einfache Anwendungen des generellen libertären Prinzips auf einen Spezialfall sind; das Argument fordert andere Ressourcen als das Nichtaggressionsprinzip ein, gerade um bestimmen zu können, wo und wie man das Prinzip korrekt anwendet. Daher ist die Breite, die hier beansprucht wird, breiter als die logische Folge, aber der Barwert breiter Bekenntnisse ist der direkte Beitrag, den sie machen, um das Nichtaggressionsprinzip zur vollen Anwendung zu bringen.

Breite aus der Begründung

Zweitens haben Libertäre viele verschiedene Ideen bezüglich der theoretischen Grundlagen des Nichtaggressionsprinzips – d.h. bezüglich der besten Gründe, ein Libertärer zu sein. Aber egal, welche generellen, grundsätzlichen Überzeugungen ein bestimmter Libertärer hat, können diese Überzeugungen einige logische Implikationen jenseits des einfachen Libertarismus vorweisen. Demnach mag es Fälle geben, in denen gewisse Überzeugungen oder Bekenntnisse ohne einen Widerspruch zum Nichtaggressionsprinzip per se zurückgewiesen werden können, jedoch nicht ohne die tieferen Begründungen, die das Nichtaggressionsprinzip rechtfertigen, zu unterminieren. Obwohl man Libertarismus konsistent ohne diese Bekenntnisse oder Überzeugungen akzeptieren kann, ist dies nicht auf vernünftige Weise möglich: Ablehnung der Bekenntnisse bedeutet Ablehnung der korrekten Begründungen des Libertarismus.

Betrachten wir die konzeptuellen Begründungen, dass Libertarismus sich Autoritarismus widersetzen muss, nicht nur dem durch die Regierung erzwungenen, sondern auch demjenigen, der sich in Kultur, Betrieben, der Familie und in zivilen Gesellschaften zeigt. Soziale Systeme von Status und Autorität beinhalten nicht nur die Ausübung von einschränkender Macht durch die Regierung, sondern ebenso ein Gedankengut aus Ideen, Praktiken und Institutionen basierend auf der Ehrerbietung für traditionell hervorgekommene Autoritäten. In der Politik zeigen sich diese Muster der Ehrerbietung am deutlichsten in Ehrentiteln, unterwürfiger Etikette und unhinterfragtem Gehorsam, traditionell erwartet von, und bereitwillig erweitert auf, Staatsoberhäupter, Richter, Polizei und anderen erkennbaren Repräsentanten von staatlichem „law and order“. Obwohl diese Rituale und Gewohnheiten des Gehorsams vor dem Hintergrund staatlichen Zwangs und Einschüchterung bestehen, werden sie auch oft freiwillig praktiziert. Ähnliche Arten der Ehrerbietung werden häufig eingefordert von Arbeitern durch Vorgesetzte oder von Kindern durch Eltern oder Lehrer. Unterwürfigkeit gegenüber traditionell hervorgekommenen Autoritäten wird nicht nur durch Gewalt oder Drohungen gestützt, sondern auch durch Kunst, Humor, Predigten, geschriebener Geschichte, Journalismus, Kindererziehung usw.

Obwohl politischer Zwang die markanteste Äußerung politischer Ungleichheit darstellt, könnte man – prinzipiell – eine konsistente autoritäre soziale Ordnung ohne jeglichen Gebrauch von Gewalt haben. Sogar in einer komplett freien Gesellschaft könnte sich jeder, prinzipiell, nach wie vor freiwillig unterwürfig verhalten und in der Anwesenheit des (gemeinschaftlich anerkannten) Gemeindevorstehers nur sprechen, wenn er angesprochen wurde, oder achtlos zustimmen, jeglicher Restriktion und Regulierung, der er in seinem Betrieb oder Privatleben durch ihn zu folgen angewiesen wird, zu gehorchen, oder zustimmen, ihm so viele freiwillige „Steuern“ auf sein Einkommen oder Eigentum zu zahlen, wie er verlangt. Solange die Erwartungen an die Unterwürfigkeit und das Verlangen nach aufzugebendem Wohlstand nur durch verbale Moralpredigten, kulturelle Glorifizierung von weisen und rechtschaffenen Autoritäten, sozialer Ächtung von „widerspenstigen“ Abweichlern usw. gesichert wären, würden diese Erwartungen niemandes individuelle Rechte auf Freiheit und Eigentum verletzen.

Aber solange es nichts logisch Inkonsistentes über ein libertäres Ausmalen – oder sogar Verfechten – dieser Art sozialer Ordnung gibt, wäre es zweifellos bizarr. Zwangsfreier Autoritarismus mag konsistent mit libertären Prinzipien sein, aber es ist schwierig die beiden auf vernünftige Weise in Einklang zu bringen. Welche Gründe auch immer man zur Ablehnung arroganter Ansprüche von machthungrigen Politikern und Bürokraten haben mag – beispielsweise die Auffassung Jeffersons, dass alle Männer und Frauen mit gleicher politischer Autorität geboren sind und dass niemand das natürliche Recht, hat die Angelegenheiten anderer zu regeln oder zu beherrschen – dienen diese wahrscheinlich ebenso gut als Gründe, andere Formen autoritärer Anmaßung abzulehnen, selbst wenn diese sich nicht durch Mittel zwangsweiser staatlicher Betätigung ausdrücken. Obwohl niemand durch Politik gezwungen werden sollte, seine Mitmenschen mit Respekt infolge von Gegenseitigkeit zu behandeln oder unabhängiges Denken und Geringschätzung gegenüber der Arroganz der Macht zu entwickeln, können – und sollten – Libertäre sicherlich diejenigen kritisieren, die dies nicht tun, und unsere Mitmenschen dazu ermahnen, sich nicht auf autoritäre soziale Institutionen zu stützen, genau aus denselben Gründen, die wir haben, um Libertarismus überhaupt erst zu befürworten.

Strategische Breite – Die Ursache für Freiheit

Drittens kann es Fälle geben, in welchen gewisse Ideen, Praktiken oder Projekte weder durch das Nichtaggressionsprinzip noch durch die besten Gründe für diese bedingt werden und auch nicht logisch notwendig für seine Anwendung sind, die aber Vorbedingungen zur Implementierung des Nichtaggressionsprinzips in der realen Welt darstellen. Obwohl die Ablehnung dieser Ideen, Praktiken oder Projekte logisch kompatibel mit Libertarismus wären, könnte ihr Erfolg wichtig oder sogar unabdingbar dafür sein, dem Libertarismus eine große Hebelwirkung in einer existierenden staatlichen Gesellschaft zu verschaffen, oder zur Herausbildung einer zukünftigen freien Gesellschaft ohne ausgedehnte Armut oder soziale Konflikte aus dem Etatismus heraus, oder zur Stützung einer zukünftigen freien Gesellschaft gegen aggressive, etatische Nachbarn, drohenden Bürgerkrieg oder einem internen Zusammenbruch zurück zum Etatismus.

Insoweit, dass andere Ideen, Praktiken oder Projekte Vorbedingungen für eine florierende freie Gesellschaft sind, haben Libertäre strategische Gründe dafür, diese zu befürworten, selbst wenn sie konzeptuell unabhängig von libertären Prinzipien sind.

Deswegen haben beispielsweise Linkslibertäre wie Roderick Long dargelegt, dass Libertäre authentische Gründe dazu haben, sich mit großen Ungleichheiten von Wohlstand oder hohen Zahlen an Menschen, die in absoluter Armut leben, zu befassen, und freiwillige Vereinigungen wie etwa Gesellschaften zur gegenseitigen Hilfe oder freiwillige Wohltätigkeit zu unterstützen. Nicht, weil Prinzipien der freien Marktwirtschaft in irgendeiner Weise ein gewisses sozioökonomisches Resultat anordnen; und nicht nur, weil Wohltätigkeit und weit verbreiteter materieller Wohlstand es wert sind, wegen ihrer selbst verfolgt zu werden (was sie möglicherweise sind). Im Gegenteil, der Punkt ist, dass es eventuell einen signifikanten kausalen Zusammenhang zwischen ökonomischen Resultaten und materiellen Erwartungen zur Aufrechterhaltung einer freien Gesellschaft gibt.

Selbst eine freie Gesellschaft, in der eine große Anzahl von Menschen in verzweifelter Armut lebt, befindet sich wahrscheinlich in großer Gefahr, in einen Bürgerkrieg zu verfallen. Eine komplett freie Gesellschaft, in der eine kleine Klasse von Großindustriellen 99 Prozent des Eigentums besitzt und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung nahezu nichts hat, bleibt wahrscheinlich nicht lange frei, falls die Großindustriellen entscheiden sollten, ihr Vermögen dazu zu nutzen, erzwungene rechtliche Privilegien gegenüber der besitzlosen Mehrheit zu erwerben – schlicht weil sie eine Menge Güter zum Angreifen besitzen und die Mehrheit nicht die materiellen Ressourcen hat, um sich verteidigen zu können.

Nun, insoweit anhaltende starke Armut und umfangreiche Ungleichheit von Wohlstand fast immer das Resultat staatlicher Intervention sind, ist es unwahrscheinlich, dass komplett freie Gesellschaften solch düsteren Situationen begegnen würden. Mit der Zeit würden sich viele, wenn nicht sogar alle diese Probleme voraussichtlich durch freie marktwirtschaftliche Prozesse bereinigen, selbst ohne bewussten armutsbekämpfenden Aktivismus.

Probleme von Armut und ökonomischer Ungleichheit sind wahrscheinlich immer noch extrem dringend in Gesellschaften wie der unseren, die momentan nicht frei sind, aber bei deren Befreiung Libertäre hoffen, Hilfe leisten zu können. Zweifellos gibt es in unserem unfreien Markt weitverbreitete Armut und umfangreiche Ungleichheit von Wohlstand, das meiste davon geschaffen durch die schwere Hand staatlicher Intervention in Form direkter Subventionen und der Erzeugung von konstruierten oder gefesselten Märkten. Diejenigen, die die Früchte jener Privilegien genießen, werden damit fortfahren, einige der immensen Vorteile, die sie als materielle Ressourcen und politischen Druck genießen, dazu zu nutzen, die Regierung zu drängen, die Interventionen, von denen sie profitieren, fortzusetzen oder zu erweitern. Da Libertäre solche Interventionen abschaffen wollen, könnte es vermutlich durchaus strategisch Sinn machen, freiwillige, nichtstaatliche Bestrebungen zu unterstützen, die daran arbeiten, konsolidierte politökonomische Macht zu untergraben oder zu überbrücken. Anderenfalls finden wir uns in dem Versuch wieder, mit Schleudern zu kämpfen, während die Feinde der Freiheit mit Panzerfäusten zurückschießen.

Breite aus Konsequenz – Die Auswirkung der Freiheit

Schließlich kann es soziale Praktiken und Resultate geben, die Libertäre (in gewisser Hinsicht) ablehnen sollten, auch wenn diese nicht selbst auf Zwang beruhen, da 1) staatlicher Zwang eine Bedingung für sie darstellt oder es 2) unabhängige Gründe gibt, diese als soziale Übel anzusehen. Wenn Aggression moralisch illegitim ist, dann sind Libertäre nicht nur berechtigt, diese zu verurteilen, sondern ebenso die destruktiven Resultate, die von ihr ausgehen, zu missbilligen – selbst wenn diese Resultate sich in einem wesentlichen Sinne extern zum tatsächlichen Zwang befinden.

Daher argumentierten beispielsweise Linkslibertäre wie Kevin Carson und Matt MacKenzie mit Nachdruck für eine libertäre Kritik an bestimmten Geschäftspraktiken – wie etwa ausbeuterischer Niedriglohnarbeit. Während des gesamten 20. Jahrhunderts drängten die meisten Libertären dazu, solche Praktiken zu verteidigen, da diese aus Marktprozessen resultieren und oft die besten ökonomischen Möglichkeiten für extrem arme Menschen in Entwicklungsländern darstellen würden. Die staatssozialistische Lösung expandierender Regulation von Löhnen und Bedingen durch die Regierung würde, so wird argumentiert, den Markt verzerren, die Rechte von Arbeitern und Bossen zur freien Verhandlung der Arbeitsbedingungen verletzen, und eben jenen Arbeitern schaden, denen die Regulatoren zu helfen beteuern.

Das Problem damit, zu versuchen, ökonomische Prinzipien der freien Marktwirtschaft zur Verteidigung solcher Arbeitspraktiken zu nutzen, liegt darin, dass solche Praktiken in Märkten entstanden sind, die weit davon entfernt sind, frei zu sein. Obwohl Libertäre des 20. Jahrhunderts mit der Forderung richtig liegen, dass existierende Produktionsformen nicht noch weiter durch ausgedehnte staatliche Reglementierung verzerrt werden sollen, glauben aus Carsons und MacKenzies Sicht zu viele, dass solche Formen ein natürliches Ergebnis eines unverzerrten Marktes wären. Gegen diese Verwirrungen haben Carson und MacKenzie ein Argument aus der Tradition der marktwirtschaftlichen Individualanarchisten des 19. Jahrhundert wie Benjamin Tucker aufgefrischt, die behaupteten, dass vorherrschende staatliche Privilegien für Betriebe – Monopole, regulatorische Kartellbildung von Banken, Manipulation der Währung, rechtliche Restriktionen und militärische Gewalt gegen streikende Gewerkschafter, politisierte Verteilung von Land an verbundene Spekulanten und Bauträger u.a. – Märkte auf eine solche Weise verzerrt haben, die Arbeiter systematisch in prekäre und verarmende ökonomische Vereinbarungen drängen und sie zwingen, vor dem Hintergrund des unfreien Marktes für Land und Kapital, durch Eintreten in einen „freien“ Arbeitsmarkt zu den Bedingungen der Arbeitgeber über die Runden zu kommen.

Aus Tuckers wie auch Carsons und MacKenzies Sicht kann diese Art systematischer Konzentration von Wohlstand und „Markt“-Macht nur solange bestehen, wie die Regierung diese durch Einschreiten aufrechterhält. Wettbewerb in einer freien Marktwirtschaft würde die Arbeiter dazu befreien, ihr Leben jenseits traditionell durch Großunternehmen beherrschter Bahnen zu verbessern, und würde Unternehmern erlauben, kopflastige Industriegiganten durch lebhaften Wettbewerb um Land, Arbeit und Kapital zu zerschlagen.

Da dergestalt ausbeuterische Bedingungen und Hungerlöhne aufrechterhalten werden, und alternative Vereinbaren wie Arbeiterkooperativen durch dramatische Restriktionen auf Eigentumsrechten quer durch die entwickelte Welt unterdrückt werden – Restriktionen, ausgenutzt durch opportunistische Großunternehmen, die oft mit autoritären Regierungen kooperieren – haben Libertäre, als Libertäre, gute Gründe, die sozialen Übel, die von solchen Arbeitsbedingungen hervorgerufen werden, zu missbilligen. Deswegen sollten Libertäre freiwillige, nichtstaatliche Formen von Solidarität unterstützen – solche, wie private „fair trade“- Zertifikate, wilde Streiks, Gesellschaften zur gegenseitigen Hilfe – die daran arbeiten, ausbeuterische Praktiken zu untergraben und eine neue Gesellschaft in der Hülle der alten aufzubauen. Es gibt zahlreiche Gründe, davon auszugehen, dass in einem wahrlich freien Markt die Bedingungen für gewöhnliche Arbeiter, auch solchen, die besonders arm sind, völlig anders und wesentlich besser wären.

Ich sollte deutlich machen, falls das noch nicht der Fall ist, dass ich nicht beabsichtigte, eine detaillierte Rechtfertigung für die speziellen Forderungen, die ich im Zuge der „breiten“ Bekenntnisse gestellt habe, anzubieten. Gerade welche sozialen und kulturellen Projekte Libertäre, als Libertäre, zu einer Theorie und Praxis zusammenfügen sollten, bleibt in einer detaillierten Debatte auszuarbeiten.

Der ursprüngliche Artikel wurde geschrieben von Charles Johnson und veröffentlicht am 01. Juli 2008.

Übersetzt aus dem Englischen von Achim Fischbach.

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This booklet collects five essays from the individualist anarchist Benjamin R. Tucker on the nature of competition, labor, pay, stateless markets and the ideal of socialism. Included are: (1) “Socialism: What It Is,” (2) “Armies That Overlap,” (3) “Should Labor be Paid or Not?” (4) “Does Competition Mean War?” and (5) “Competition and Monopoly Confounded.”

“To-day (pardon the paradox!) society is fundamentally anti social.The whole so-called social fabric rests on privilege and power, and is disordered and strained in every direction by the inequalities that necessarily result therefrom. The welfare of each, instead of contributing to that of all, as it naturally should and would, almost invariably detracts from that of all. Wealth is made by legal privilege a hook with which to filch from labor’s pockets. Every man who gets rich thereby makes his neighbor poor. The better off one is, the worse off the rest are. . . .

“What’s one man’s meat must no longer be another’s poison; no man shall be able to add to his riches except by labor; every increase of capital in the hands of the laborer tends, in the absence of legal monopoly, to put more products, better products, cheaper products, and a greater variety of products within the reach of every man who works; and this fact means the physical, mental, and moral perfecting of mankind, and the realization of human fraternity. . . A large number of people, who see the evils of usury and are desirous of destroying them, foolishly imagine they can do so by authority, and accordingly are trying to abolish privilege by centering all production and activity in the State to the destruction of competition and its blessings, to the degradation of the individual, and to the putrefaction of Society. Their efforts are bound to prove abortive. But the very reasonable and just criticisms of the individualists upon State Socialism, when analyzed, are found to be directed, not against the Socialism, but against the State. . . . Liberty insists on Socialism — on true Socialism, Anarchistic Socialism: the prevalence on earth of Liberty, Equality, and Solidarity. . . .” — Benjamin R. Tucker

Benjamin Tucker (1854-1939) was an incredibly influential market anarchist active from the 1870s through 1908. He is best known as the publisher and chief writer for Liberty, a leading anarchist newspaper published at Boston, and for his work as a translator and publisher of avant-garde literature and radical texts from Europe. Tucker prepared and published the first English translations of key works by Proudhon, Bakunin, Kropotkin and Stirner; he also played a major role in introducing the works of Ibsen, Hugo, and Nietzsche to American literary audiences.

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This essay, which first appeared in July 1968, is an influential statement of anarchist principles, a call for political decentralization, and a sympathetic but critical analysis of the New Left and global youth movements in the moment of the May days, the Columbia occupation, the Prague Spring and the crest of the antiwar movement. The essay offers a groundbreaking discussion of the libertarian impulses driving, and the anarchism emerging from, the practice of participatory democracy, college and job-site occupations, anti-establishment protest, counter-culture and nonviolent direct action.

“The wave of student protest in the advanced countries overrides national boundaries, racial differences, the ideological distinctions of fascism, corporate liberalism and communism. Needless to say, officials of the capitalist countries say that the agitators are Communists, and Com­munists say they are bourgeois revisionists. In my opinion, there is a totally different political philosophy underlying — it is Anarchism. . . . The protesting students are Anarchist because they are in a historical situation to which Anarchism is their only possible response. . . .

“Participatory democracy is grounded in the following social­-psychological hypotheses: People who actual­ly perform a function usually best know how it should be done. By and large, their free decision will be efficient, inventive, graceful, and forceful. Being active and self­-confident, they will cooperate with other groups with a minimum of envy, anxiety, irrational violence, or the need to dominate. And only such an organization of society is self­-improving; we learn by doing, and the only way to educate cooperative citizens is to give power to people as they are. Except in unusual circum­stances, there is not much need for dictators, deans, police, prearranged curricula, imposed schedules, conscription, coercive laws. Free people easily agree among themselves on plausible working rules; they listen to expert direction when necessary; they wisely choose pro tem leaders. Remove auth­ority, and there will be self­-regulation, not chaos. . . .”

Paul Goodman (1911­-1972) was a lonely but extremely influential voice for Anarchist ideas, pacifism and gay liberation, living in New York City and most active in the 1940s, 1950s and 1960s. A novelist, playwright, poet, psychologist and social critic, he published essays in both radical publications like Liberation and Ramparts, and also mainstream outlets like the New York Times Magazine. His essays and his book Growing Up Absurd helped to keep alive the Anarchist tradition during the long 20th century, and to reintroduce New Left radicals to anarchist ideas that helped to articulate and express the principles behind their commitments to radical social transformation, liberation movements and participatory democracy. In an interview with Studs Terkel, Goodman summed up his work by saying “I might seem to have a number of divergent interests – community planning, psychotherapy, education, politics – but they are all one concern: how to make it possible to grow up as a human being into a culture without losing nature. I simply refuse to acknowledge that a sensible and honorable community does not exist.”

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